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Mit 1460 PS zum Einsatz

22.11.2010

Es ist Sonntag der 17. Oktober 2010, das Wetter ist für diesen Oktobersonntag normal „herbstlich“. Teilweise bewölkt, teilweise kommt die Sonne durch die Wolken. Um 7:30 meldet Pilot Daniel Bravi „Christoph Westfalen“ bei der zuständigen Leitstelle in Steinfurt für zusätzliche Primäreinsätze einsatzbereit. Der Intensivtransporthubschrauber (ITH) steht am Flughafen Münster-Osnabrück.

Der normale Einsatzalltag von „Christoph Westfalen“

Als Notarzt ist an diesem Tag Martin Feldmann im Dienst. Er beginnt, zusammen mit dem diensthabenden Rettungsassistenten, den morgendlichen Check der medizinischen Ausrüstung der „fliegenden Intensivstation“. Die Besatzung aus der Nacht bereitet in der Zeit das gemeinsame Frühstück vor. Gegen 8:00 Uhr ist die Kontrolle der Gerätschaften abgeschlossen. Nun ist Zeit für das gemeinsame Frühstück.

In 20 Minuten in Minden

Gegen 8:18 Uhr klingelt bereits das Telefon. Pilot Bravi übergibt an Notarzt Feldmann. Das Krankenhaus Minden fragt an, ob „Christoph Westfalen“ eine schwerstverbrannte Patientin in eine Spezialklinik verlegen kann. Nach einem ausführlichen Telefongespräch zwischen dem Notarzt und der Ärztin aus dem Krankenhaus Minden hebt „Christoph Westfalen“ um 8:27 vom Flughafen Münster-Osnabrück zu seinem ersten Einsatz an diesem Tag ab.

Nach rund 20 Minuten Flugzeit landet „Christoph Westfalen“ auf dem Landeplatz am Krankenhaus Minden. In der dortigen Notaufnahme liegt eine Patientin mit 65 % verbrannter Haut. Sie muss schnellstens in das Verbrennungszentrum nach Hannover transportiert werden. Mit einem Rettungswagen wäre die Fahrt viel zu lang. Noch in der Notaufnahme behandelt der Hubschrauberarzt die Patientin, bevor sie zum Hubschrauber transportiert wird. Nach einem zehnminütigen Flug landet Pilot Bravi den Hubschrauber auf dem Landedeck der Medizinischen Hochschule Hannover. Weitere acht Minuten später wird die Patientin auf der Verbrennungsstation einem Ärzteteam übergeben.

Während des Transports überwacht Notarzt Martin Feldmann die schwerverletzte Patientin mit modernster Medizintechnik

Während des Transports überwacht Notarzt Martin Feldmann die schwerverletzte Patientin mit modernster Medizintechnik
Foto: Dirk Behrens

Nach der Übergabe beginnt die Hubschrauber-Crew den Helikopter wieder einsatzbereit zu machen. Im Anschluss daran startet die Maschine wieder mit Kurs auf den Flughafen Münster-Osnabrück. Um 11:10 Uhr steht der Hubschrauber, mit der Kennung D-HSFB, dort wieder auf seinem Platz. Bereits auf dem Rückflug hat Pilot Daniel Bravi über den Tower das Tanken des Intensivtransporthubschraubers vom Typ BK 117 veranlasst. Direkt nach der Landung rollt der Tankwagen schon vor und der Hubschrauber wird betankt. In der Zwischenzeit haben der Notarzt und der Rettungsassistent bereits das verbrauchte Material aufgefüllt. Nun steht der übliche „Papierkram“ noch an.

Zurück an der Basisstation erledigt Pilot Daniel Bravi die übliche Einsatzdokumentation

Zurück an der Basisstation erledigt Pilot Daniel Bravi die übliche Einsatzdokumentation
Foto: Dirk Behrens

Patient mit Herzinfarkt

Um 12:36 Uhr wird die Besatzung durch das laute Piepen der Alarmempfänger zum nächsten Einsatz gerufen. Diesmal handelt es sich um einen Primäreinsatz in Laer. Ein Mann soll einen Herzinfarkt erlitten haben. Innerhalb von Sekunden ist Pilot Bravi unterwegs zum Hubschrauber. Rettungsassistent und Notarzt suchen in der Hubschrauberstation sofort auf der großen Übersichtskarte an der Wand die Einsatzstelle.

Nach nur zwei Minuten hebt der Helikopter von seiner Plattform ab. In diesem Fall hat der Hubschrauber auf dem Flughafen absolute Priorität. Mit 220 km/h fliegt die Crew Richtung Notfallort. Der dortige bodengebundene Rettungsdienst hat keinen Notarzt mehr frei. Aus diesem Grund wird „Christoph Westfalen“ als Notarztzubringer angefordert. Mittels Straßenatlas sucht Notarzt Martin Feldmann auf dem Anflug die genaue Einsatzstelle.

Gute fünf Minuten braucht der Hubschrauber bis zur Einsatzstelle. Der Notfallort befindet sich direkt an der Ortsdurchfahrt des kleinen münsterländischen Ortes. Bravi sucht einen geeigneten Landeplatz in der Nähe des Einsatzortes. Eine Wiese direkt am Ortsrand wählt er aus. Pilot und Rettungsassistent sind jetzt besonders gefordert. Unbekannte Landeplätze sind nicht immer ungefährlich. Telefon- oder Stromkabel, Bäume, Laternen oder lose Gegenstände können zu gefährlichen Hindernissen für den Hubschrauber oder Passanten werden.

„Safe down“ teilt der Pilot der Besatzung über Funk mit. Dies ist das Zeichen das der Hubschrauber sicher am Boden steht und sie ihn verlassen darf. Schnell wird das benötigte Material aus dem Hubschrauber entnommen und die Besatzung läuft zur 300 Meter entfernten Einsatzstelle.

Direkt am Ortsrand landete der Pilot die gelbe BK 117. Zur Einsatzstelle waren es noch rund 300 Meter

Direkt am Ortsrand landete der Pilot die gelbe BK 117. Zur Einsatzstelle waren es noch rund 300 Meter
Foto: Dirk Behrens

Der Rettungswagen ist bereits vor Ort. Glücklicherweise handelt es sich nicht um einen Herzinfarkt. Der Patient hat vermutlich einen Bandscheibenvorfall. Aufgrund der neurologischen Ausfälle und den starken Schmerzen entscheidet Notarzt Martin Feldmann den Patienten in die 30 Kilometer entfernte Uni-Klinik nach Münster zu fliegen. Da dies ist die nächste geeignete Klinik für das Krankheitsbild ist und der Helikopter das schonendste Transportmittel.

Transport von Soest an Christoph 8 abgegeben

Zwischenzeitlich kommt die die Anfrage ob „Christoph Westfalen“ eine Patientin von Soest nach Bad Oeynhausen fliegen kann. Da die Besatzung aber hier noch gebunden ist, wird der Transport an den Rettungshubschrauber Christoph 8 abgegeben.

Nachdem der Patient versorgt ist, wird er mit dem Rettungswagen zum Hubschrauber gebracht. Nach etwa 3 Minuten Flugzeit landet Bravi den Hubschrauber an der Uni-Klinik Münster. Ein Rettungswagen für den weiteren Transport innerhalb der Klinik steht schon bereit. Nach der Übergabe mach die Besatzung die Maschine wieder einsatzbereit.

Landung auf dem Sportplatz

Um 13:49 Uhr, die Crew steht noch an der Uni-Klinik in Münster, ertönt erneut der Piepser. Wieder wird „Christoph Westfalen“ zu einem Primäreinsatz angefordert. Diesmal geht es nach Riesenbeck, einem kleinen Ort bei Ibbenbüren. Auf dem dortigen Sportplatz ist es zu einem Sportunfall gekommen. Die bereits vor Ort befindliche Rettungswagenbesatzung hat den Notarzt zur Schmerzbekämpfung angefordert. Auch hier ist die Einsatzstelle in etwa 10 Minuten erreicht. Pilot Bravi landet den Helikopter sicher auf dem Sportplatz.

Notfall auf einem Sportplatz – Christoph Westfalen erreichet die Einsatzstelle in rund 10 Minuten

Notfall auf einem Sportplatz – Christoph Westfalen erreichet die Einsatzstelle in rund 10 Minuten
Foto: Dirk Behrens

Nach der Schmerzbehandlung transportiert Notarzt Feldmann den Patienten mit dem Rettungswagen in das Krankenhaus Ibbenbüren. In solchen Fällen fliegt der Pilot dann alleine mit dem Hubschrauber zum Zielkrankenhaus um dort Notarzt und Rettungsassistent wieder aufzunehmen. Ein kurzer Check und ein letztes Winken für die Kinder und „Christoph Westfalen“ hebt ab. Vier Minuten später landet die Maschine auf dem Dachlandeplatz des Krankenhauses.

Anflug auf das Krankenhaus Ibbenbüren

Anflug auf das Krankenhaus Ibbenbüren
Foto: Dirk Behrens

Um 15:05 ist die Besatzung von „Christoph Westfalen“ wieder zurück an ihrem Heimatstandort dem Flughafen Münster-Osnabrück. Wieder beginnt das übliche Programm; tanken, Material auffüllen, Einsatzdokumentation. Im Anschluss daran ist auch Zeit für das Mittagessen. Allerdings kann jederzeit der nächste Einsatz kommen.

Intensivtransporthubschrauber „Christoph Westfalen“ fliegt auch nachts

Um 18 Uhr kommt die neue Besatzung, sie übernimmt den Nachtdienst, bis sie am nächsten Morgen wieder abgelöst wird. Für sie ist es eine ruhige Nacht, kein Einsatz. Dies ist allerdings die Ausnahme.

Laserattacken auf Hubschrauber

„Christoph Westfalen“ flog im letzten Jahr 772 lebensrettende Einsätze. Diese Zahlt hört sich im ersten Moment nicht gerade hoch an, man muss hier aber bedenken, dass die Einsätze von Christoph Westfalen überwiegend Sekundäreinsätze waren und durch die hohe Flugdistanz länger dauern als die eines Rettungshubschraubers in der Primärrettung. Nicht immer waren die Flüge für die Besatzung ungefährlich. In diesem Jahr kam es schon zu mehreren „Laser-Attacken“ auf den Hubschrauber. Unbekannte richteten einen Laserstrahl auf den Helikopter und trafen den Piloten ins Auge. Glücklicherweise konnte die Maschine immer noch sicher gelandet werden. Solche Eingriffe in den Luftverkehr sind keine Kavaliersdelikte sondern ziehen strafrechtliche Konsequenzen nach sich. Bis zu fünf Jahren Haft sind möglich.

Dienst auf „Christoph Westfalen“

Diesen Bericht schrieb Dirk Behrens. Seit 1991 ist er im Rettungsdienst des Kreises Soest tätig. Er ist freiwilliger Feuerwehrmann und als Feuerwehr-Pressesprecher in der Feuerwehr Lippetal tätig. Ferner ist er auch Pressesprecher der Feuerwehren im Kreis Soest. Für seinen Bericht flog am er am 17. Oktober 2010 auf dem ITH „Christoph Westfalen“ mit.

"Ich erlebte einen arbeitsreichen Tag auf Christoph Westfalen. Die überaus freundliche Crew um Pilot Daniel Bravi band mich in den täglichen Arbeitsablauf und in die medizinische Arbeit mit ein. Sie stand für alle Fragen bereitwillig zur Verfügung. Während der Patiententransporte konnte ich dem Notarzt auf dem Flug und an den Einsatzstellen assistieren. Auch die Gelegenheit im Cockpit während des Fluges zum Krankenhaus Ibbenbüren mitzufliegen, habe ich gerne angenommen. An dieser Stelle nochmals ein ganz großes Dankeschön für einen erlebnisreichen Tag an Pilot Daniel Bravi, Notarzt Martin Feldmann und Rettungsassistent Markus."
Für diesen Bericht machte er Dienst auf dem Intensivtransporthubschrauber „Christoph Westfalen“: Dirk Behrens

Für diesen Bericht machte er Dienst auf dem Intensivtransporthubschrauber „Christoph Westfalen“: Dirk Behrens
Foto: Dirk Behrens

Hintergrundinformationen zur ADAC Luftrettung und "Christoph Westfalen"

Fast jeder hat sie schon einmal gesehen, die gelben Hubschrauber der ADAC-Luftrettung GmbH. An 34 von über 70 Standorten in Deutschland betreibt der ADAC, neben anderen Betreibern, Rettungs- und Intensivtransporthubschrauber. Sechs Stationen davon befinden sich in NRW. Der ADAC war es auch, der vor 40 Jahren am Aufbau der Luftrettung in Deutschland maßgeblich beteiligt war.

Unterschiede in der Ausstattung

Die Einsatzbereitschaft von Rettungs- und Intensivhubschraubern liegt in der Regel bei Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Einige Hubschrauber haben die Möglichkeit, auch in der Nacht zu fliegen. Der Einsatzradius eines Rettungshubschraubers beträgt 50 km, die Intensivtransporthubschrauber fliegen „deutschlandweit“, bei Bedarf auch grenzübergreifend. Die Ausstattung der beiden Hubschrauberarten unterscheidet sich durch ihren Einsatzzweck voneinander. Der Rettungshubschrauber (RTH) ist in der Regel für präklinische Notfalleinsätze, sogenannte „Primäreinsätze“, gedacht. Das heißt, er fliegt den Notarzt direkt zur Einsatzstelle um vor Ort Hilfe zu leisten. Ein Intensivtransporthubschrauber (ITH) ist dagegen für den Transport lebensgefährlich erkrankter oder verletzter Patienten von Klinik zu Klinik gedacht. In der Fachsprache nennt man diese Einsätze „Sekundäreinsätze“. Aus diesem Grund ist die Ausstattung eines ITH gegenüber der eines RTH erweitert worden. Zusätzlich an Bord befinden sich z. B. spezielle Beatmungsgeräte, Überwachungsgeräte, Spritzenpumpen und Geräte für die Blutgasanalyse. Somit kann eine bereits begonnene Intensivtherapie unterbrechungsfrei fortgeführt werden. Auch die Größe der Hubschrauber spielt eine Rolle. Für den Einsatz als ITH werden in der Regel größere Hubschraubertypen eingesetzt. Besonders geeignet sind hier die Modelle BK-117 oder EC 145, beide Maschinen werden von Eurocopter gebaut.

Besetzt sind die Hubschrauber grundsätzlich mit erfahrenem Personal, bestehend aus einem Piloten, einem Rettungsassistent mit Zusatzausbildung und einem Notarzt. Der Rettungsassistent muss für den Einsatz auf RTH oder ITH noch eine weitere Zusatzausbildung, die Ausbildung zum HCM (Helicopter Emergency Medical Services Crew Member, kurz Rettungshubschrauber-Besatzungsmitglied) besitzen. Durch diese Ausbildung zählt der Rettungsassistent nicht nur zur medizinischen, sondern auch zur fliegerischen Besatzung. Die Aufgaben eines HCM, neben der medizinischen Assistenz, sind die Unterstützung des Piloten vor dem Start, während des Fluges und nach der Landung. Weitere Hauptaufgaben sind die Navigation die Absicherung und die Unterstützung bei Flugnotfällen. Die Notärzte von Christoph Westfalen sind allesamt erfahrene Intensivmediziner. Dies ist bei Intensivverlegungen ein großer Vorteil. Ist der Hubschrauber rund um die Uhr im Einsatz, wird nachts, wie gesetzlich vorgeschrieben, mit zwei Piloten geflogen.

Innerhalb von nur zwei Minuten in der Luft

Tagsüber ist die Maschine bei Primäreinsätzen in weniger als zwei Minuten startklar. Bei Sekundärtransporten ist die Vorlaufphase wegen dem Arzt-Arzt-Gespräch länger. Auch eventuelle Vorbereitungsmaßnahmen, wie zum Beispiel das Nachtanken der Maschine bei größeren Distanzen, oder der Umbau in der Kabine für Spezialgeräte, sind zeitaufwändig.
Bei Nachteinsätzen ist die Vorlaufzeit ebenfalls länger, da hier vor dem Start unter anderem noch Wetterdaten und ein geeigneter Landeplatz mit Ausleuchtung eingeholt werden müssen. Aber auch tagsüber kann es vorkommen, dass ein Hubschrauber nicht fliegen kann. Schlechtes Wetter wie Nebel oder Sturm, lassen einen sicheren Flug nicht zu.
„Christoph Westfalen“ ist einer von wenigen Hubschraubern in Deutschland, die 24 Stunden am Tag einsatzbereit sind.

Das Personal der ADAC-Luftrettung GmbH sieht sich als zusätzliches Glied in der Kette der Notfallmedizin. Für die Crews steht die Sicherheit an erster Stelle. Besonders hervorheben kann man hier die Zusammenarbeit im Team. Alle Crew-Mitglieder werden beim ADAC im „Crew Ressource Management“ (CRM) geschult. CRM ist die optimale Anwendung aller im Einsatz oder Dienstbetrieb verfügbaren Ressourcen, wie Menschen, Informationen und Ausstattungen, um die Sicherheit, die Qualität und die Effizienz zu gewährleisten.

Der am Flughafen Münster-Osnabrück stationierte Intensivtransporthubschrauber „Christoph Westfalen“ Er ist eine von wenigen Hubschraubern in Deutschland die Tag und Nacht einsatzbereit sind

Der am Flughafen Münster-Osnabrück stationierte Intensivtransporthubschrauber „Christoph Westfalen“ Er ist eine von wenigen Hubschraubern in Deutschland die Tag und Nacht einsatzbereit sind
Foto: Dirk Behrens

 
Autor(en)
DBH