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Einsatz für „Christoph 42“ (Teil 2)

19.06.2011

„Massenkarambolage auf der Autobahn, vier Fahrzeuge sind beteiligt“ liest Dr. Ole Krautwald auf dem gerade eingetroffenen Einsatzfax. Er sprintet hinauf zur Maschine. Die Rotorblätter rotieren bereits und Frank Schmelzkopf tippt die Koordinaten in das bordeigene Navigationsgerät „EURONAV III“. Auf dem Anflug wird das Team über Funk gewarnt: Der Unfall sei vermutlich aufgrund eines vorübergehenden Graupelschauers zustande gekommen, die Fahrbahn sei sehr glatt. Nach exakt sieben Minuten Flugzeit erreicht der Rettungshubschrauber die A215.

Massenkarambolage: Kurz nachdem „Christoph 42“ auf der Fahrbahn gelandet ist, treffen weitere Rettungsmittel an der Unfallstelle ein

Massenkarambolage: Kurz nachdem „Christoph 42“ auf der Fahrbahn gelandet ist, treffen weitere Rettungsmittel an der Unfallstelle ein
Foto: Harald Rieger

An der Anschlussstelle Blumenthal haben sich auf der Fahrbahn Richtung Norden zwei Fahrzeuge gedreht, weitere Pkw sind demoliert. Die Leitplanke ist auf 50 Metern Länge beschädigt. Ein Rettungswagen ist bereits vor Ort. Viele Verkehrsteilnehmer in Richtung Norden sind geistesgegenwärtig zum Stehen gekommen. Es nieselt noch, die Straße ist glatt.

Frank Bernau stellt die Maschine sicher auf dem Seitenstreifen ab. Kurz darauf kämpfen sich zwei weitere Rettungswagen und ein Rüstzug der Feuerwehr Neumünster durch den Stau. Dr. Ole Krautwald begutachtet alle Unfallbeteiligten. „Es ist sehr wichtig, sich als ersteintreffender Notarzt einen Überblick über die Lage zu verschaffen“, sagt er, „anderenfalls läuft man Gefahr, dass Patienten nicht rechtzeitig aufgefunden oder dass schwere Verletzungen zu spät behandelt werden“. So teilt er die Rettungskräfte nach seiner Erkundung ein und sorgt sich primär um eine schwer verletzte Frau aus einem Ford.

Die schwer verletzte Frau wird von den Rettungskräften zum Rettungswagen gebracht und in diesem weiter versorgt

Die schwer verletzte Frau wird von den Rettungskräften zum Rettungswagen gebracht und in diesem weiter versorgt
Foto: Harald Rieger

Der Rüstzug der Feuerwehr muss nicht mehr eingreifen, da keine Personen eingeklemmt sind. Die Beifahrerin aus einem BMW wird per Rettungswagen ins Krankenhaus Kiel gefahren. Sie ist mit leichten Prellungen im Brustbereich noch einmal glimpflich davongekommen. Dr. Ole Krautwald begleitet die Fahrerin aus dem Ford ins Krankenhaus Neumünster. Er vermutet ein Schädel-Hirn-Trauma. Eine dritte Person wird mit einem leichten Schock und Prellungen im Schulterbereich behandelt und ebenfalls nach Kiel gefahren.

Nach der Landung an der Station betankt Frank Bernau die Maschine

Nach der Landung an der Station betankt Frank Bernau die Maschine
Foto: Harald Rieger

Nach Abfahrt der Rettungswagen startet auch Frank Bernau die Maschine und fliegt in das Krankenhaus Neumünster. Ein Kameramann der Presse filmt den Abflug – am Abend wird diese Szene in den Lokalnachrichten zu sehen sein. Auf dem Rückflug wirft der Pilot einen Blick zurück auf den kilometerlangen Stau, der sich hinter dem Unfall auf der Autobahn gebildet hat: „Hier sieht man deutlich, wie wichtig der Hubschrauber als schneller Notarztzubringer gerade in solchen Situationen ist ...“

Am Krankenhaus begleitet die medizinische Besatzung die Patientin bis in die Notaufnahme. Hier findet die Übergabe an den aufnehmenden Arzt statt, wobei neben dem Unfallhergang und der Art der Verletzungen auch die notwendigen Patientendaten ausgetauscht werden. Sowohl Name und Anschrift als auch die Krankenkasse und eventuelle chronische Erkrankungen oder Allergien sind für die weitere Behandlung notwendig. Nach erfolgter Patientenübergabe bringt der Rettungsassistent eine Portion Eis mit an den Landeplatz – „damit auch der Pilot bei Laune bleibt“, erklärt er und grinst. Wenig später startet die Besatzung der DRF Luftrettung wieder in Richtung Rendsburg. Doch weit kommen sie dieses Mal nicht. Kurz nachdem die vorgeschriebene Mindestflughöhe über bewohntem Gebiet von etwa 650 Metern (2.000 Fuß) erreicht wird, meldet sich die Leitstelle Mitte über Funk.

Kurz nachdem der digitale Meldeempfänger mit einem Kurztext über den Einsatz anspringt, schickt die Leitstelle weitere detaillierte Informationen mittels eines Einsatzfaxes an die Station

Kurz nachdem der digitale Meldeempfänger mit einem Kurztext über den Einsatz anspringt, schickt die Leitstelle weitere detaillierte Informationen mittels eines Einsatzfaxes an die Station
Foto: Harald Rieger

„Christoph 42 bitte kommen“ — „Christoph 42 hört“ — „Wir brauchen Sie in N., Suizidversuch, können Sie den Einsatz übernehmen?“ Nach einer kurzen Überprüfung des Tankstandes ändert Frank Bernau den Kurs auf 220 Grad Südwest. Etwa acht Minuten später erfolgt die Landung am Gerätehaus der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr. Der Rettungswagen ist bereits vor Ort, ein 17-jähriges Mädchen wird darin versorgt. Noch während die Rotorblätter rotieren, schnappt sich Dr. Ole Krautwald den Notarztrucksack und sprintet zum RTW. Dort wartet die Patientin, ein junges Mädchen. Mehrmals wiederholt sie, dass sie nicht mehr leben möchte. Um sie zu beruhigen, spritzt ihr Dr. Ole Krautwald ein Beruhigungsmittel. Zusätzlich wird ihr in Wasser aufgelöste medizinische Kohle verabreicht. So sollen die eingenommenen Mittel im Magen gebunden werden, bevor sie vom Blut aufgenommen werden. Anschließend begleitet Dr. Krautwald den Transport zur Klinik im Rettungswagen.

Frank Bernau und Frank Schmelzkopf überprüfen die Entfernung nach Föhr und berechnen den Spritverbrauch

Frank Bernau und Frank Schmelzkopf überprüfen die Entfernung nach Föhr und berechnen den Spritverbrauch
Foto: Harald Rieger

Die Station Rendsburg ist seit der Gründung am Kreiskrankenhaus Rendsburg beherbergt. Aus Platzgründen plante man die Station so, dass sich heute der Hangar und Landeplatz im ersten Stockwerk und eine großzügig ausgelegte Rettungswache im Erdgeschoss befinden. So sind insgesamt vier RTW und ein NEF untergebracht, während der Hubschrauber auf dem Dach darüber startet und landet. Die Dienst- und Ruheräume der Hubschrauberbesatzung sind ebenfalls im Erdgeschoss angeordnet. Neben Räumen für Wartung und Kontrolle befinden sich auch alle medizinischen Utensilien im Hangar. Eine auf dem Landeplatz integrierte Tankstelle ist mit einem Tank im Erdboden verbunden und ermöglicht so ein schnelles und unkompliziertes Auftanken. „Man kann sagen, dass wir im Durchschnitt alle drei bis vier Einsätze tanken müssen“, sagt Pilot Frank Bernau, „obwohl das natürlich von den Entfernungen zum Einsatzort und den Witterungsbedingungen abhängt.“ Noch während das flüssige Kerosin über den Schlauch geführt in den Hubschraubertank läuft, springt sein Melder erneut an.

Bereits seit 2004 fliegt die DRF Luftrettung mit dem Hubschraubertyp BK 117 in Rendsburg

Bereits seit 2004 fliegt die DRF Luftrettung mit dem Hubschraubertyp BK 117 in Rendsburg
Foto: Harald Rieger

Wieder ein Suizidversuch, dieses Mal geht es nach Bordesholm, die Leitstelle Mitte fordert notärztliche Unterstützung. Eine ältere Dame liegt schon im Rettungswagen, als „Christoph 42“ zur Landung auf einem nahe gelegenen Fußballplatz geht. Die Patientin ist ansprechbar. Sie erklärt immer wieder, dass sie sterben möchte. Dr. Ole Krautwald begleitet die Dame ins Krankenhaus. Als Frank Bernau am Krankenhauslandeplatz an der Maschine wartet, klingelt das Hubschrauber-Handy. Die Leitstelle Nordfriesland fragt nach, ob die Besatzung einen neuen Einsatz übernehmen kann. Ein Kind ist bei Wyk auf Föhr auf einen Hafenpfeiler gestürzt und hat sich möglicherweise eine lebensbedrohliche Milzruptur zugezogen. Da die nahe gelegenen Rettungshubschrauber „Christoph Europa 5“ (DRF Luftrettung) und „Christoph 26“ (ADAC Luftrettung) bereits im Einsatz sind, fragt man jetzt beim Team von „Christoph 42“ nach. Frank Bernau berechnet die Distanz und muss feststellen, dass es ohne einen vorherigen Tankstopp nicht reichen wird. Er meldet sich kurz darauf zurück: „Wir können frühestens in 55 Minuten dort sein.“ Die Leitstelle entscheidet daraufhin, dass der junge Patient in der örtlichen Klinik behandelt und später in eine Spezialklinik geflogen werden soll.

Beim Anflug auf die Station sind links durch die Windschutzscheibe der Hangar mit blauen Toren, die Landeplattform und darunter die Rettungswache erkennbar

Beim Anflug auf die Station sind links durch die Windschutzscheibe der Hangar mit blauen Toren, die Landeplattform und darunter die Rettungswache erkennbar
Foto: Harald Rieger

„Leider kann man nicht immer alles möglich machen“, erklärt Frank Bernau: „Solche Situationen wünscht sich niemand und dennoch ist man manchmal nicht davor gefeit. Leider kann man weder die physikalischen Grundgesetze noch die Wetterbedingungen ignorieren – auch nicht, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten. Sicherheit geht bei uns einfach immer vor.“

 
Autor(en)
HRG
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