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Einsatz für „Christoph 42“ (Teil 3)

30.06.2011

Bereits seit 2004 wird von der Luftrettungsstation Rendsburg aus die 24-Stunden-Einsatzbereitschaft sichergestellt und somit auch in der Nacht geflogen. Im Unterschied zur Einsatzbereitschaft am Tag muss nachts zusätzlich zur medizinischen Besatzung immer mit zwei Piloten geflogen werden. Während der Vorlaufzeit überprüft der Pilot das Wetter, wobei die Wetterbedingungen deutlich besser als am Tag sein müssen.

Nach der Landung auf der Weide läuft die medizinische Besatzung zum Patienten

Nach der Landung auf der Weide läuft die medizinische Besatzung zum Patienten
Foto: Harald Rieger

Teil 1 und 2

Lesen Sie zu dieser Reportage auch Teil 1 und Teil 2.

Bei Intensivverlegungen findet zusätzlich das so genannte „Arzt-zu-Arzt-Gespräch“ statt, in dem alle medizinischen Informationen ausgetauscht werden. Abhängig von den Umständen und dem Einsatzauftrag startet „Christoph 42“ in der Regel innerhalb von 30 Minuten. Die Einsatzbereitschaft in der Nacht dient primär der Abholung von Patienten bei Notfällen auf den nordfriesischen Inseln und den Notfallverlegungen von kleineren Krankenhäusern in Fachkliniken. So wird „Christoph 42“ nachts beispielsweise bei dringenden Transporten von Verbrennungsopfern in die Kliniken nach Hamburg-Boberg, Hamburg-Wilhelmstift (Kinder) oder nach Lübeck alarmiert.

Im Jahr 2008 wurden in Rendsburg 154 Einsätze bei Nacht geflogen (bei insgesamt 1.606 Einsätzen entspricht das etwa 9,6 %). Nachdem Frank Bernau, Frank Schmelzkopf und Dr. Ole Krautwald gegen 18.30 Uhr vom Einsatz zurück zur Station gekommen sind, steht der Wechsel der Besatzung bevor. Die Piloten, Notärzte und Rettungsassistenten fliegen in Rendsburg jeweils fünf bis sechs Tages- bzw. Nacht- Schichten, Schichtwechsel ist um 7.00 und um 19.00 Uhr. Da nachts mit zwei Piloten geflogen wird, kommt auf jeden Piloten etwa ein Drittel Tagschichten und zwei Drittel Nachtschichten. Die medizinische Besatzung fliegt zur Hälfte am Tag und zur Hälfte in der Nacht. Für sie gibt es an Wochenenden oder in Ausnahmefällen manchmal auch lediglich ein bis zwei Schichten in Folge.

Gemeinsam mit der Besatzung des Rettungswagens reanimieren Dr. Ulrike Lamp und Jan-Olaf Weigt den Patienten an der Unglücksstelle

Gemeinsam mit der Besatzung des Rettungswagens reanimieren Dr. Ulrike Lamp und Jan-Olaf Weigt den Patienten an der Unglücksstelle
Foto: Harald Rieger

Die Kollegen sind gerade abgelöst, als der Einsatzmelder das Verabschieden beschleunigt. Es ist kurz vor 19 Uhr. Bei Baumsägearbeiten kippt ein 62-jähriger Mann plötzlich um. Die Nachbarn, die bei den Arbeiten helfen, erkennen den Ernst der Lage und wählen über ein Handy die Notrufnummer 112. Die Rettungsleitstelle Schleswig disponiert sofort einen Rettungswagen und als Notarztzubringer den Rettungshubschrauber: „Reanimation“ lautet die Meldung.

Auf dem Hinflug zur Einsatzstelle liest sich Dr. Ulrike Lamp noch einmal alle Informationen von der Leitstelle durch

Auf dem Hinflug zur Einsatzstelle liest sich Dr. Ulrike Lamp noch einmal alle Informationen von der Leitstelle durch
Foto: Harald Rieger

Im Anflug versucht Pilot Heiner Hinze auf einer Wiese zu landen, erkennt aber die Unebenheiten im letzten Moment. Er hebt die BK 117 sanft auf eine benachbarte Rinderweide. Oft sieht man aus der Luft nur die Größe und Hindernisse einer freien Fläche, manche Unebenheiten kann die Besatzung erst kurz vor dem Boden erkennen. Nach der Landung laufen Rettungsassistent Jan-Olaf Weigt und Notärztin Dr. Ulrike Lamp zum Patienten. Die Nachbarn haben bereits mit der Reanimation begonnen, die Notärztin und der Rettungsassistent der DRF Luftrettung übernehmen. Sie beatmen den Patienten, intubieren ihn und spritzen Medikamente, welche die Herzaktivität wiederherstellen sollen. Doch leider können sie dem Mann nicht mehr helfen, er verstirbt noch an der Einsatzstelle.

Noch vor Ort stellt Dr. Ulrike Lamp eine vorläufige Todesbescheinigung aus. Generell muss die Besatzung im Laufe des Dienstes alle durchgeführten Einsätze in das Dokumentationssystem der DRF Luftrettung eingeben. Dabei werden Flugdaten und Einsatzzeiten vom Piloten eingetragen, die formalen Daten (Name des Patienten, Krankenkasse etc.) vom Rettungsassistenten und die medizinischen Details vom Notarzt. Außerdem wird ein Durchschlag des Notfallprotokolls auf der Station abgeheftet, so dass bei eventuellen Nachfragen eine schnelle Information möglich ist.

Während des Sekundärtransportes überprüfen Notärtzin und Rettungsassistent laufend die Vitalwerte des Patienten

Während des Sekundärtransportes überprüfen Notärtzin und Rettungsassistent laufend die Vitalwerte des Patienten
Foto: Harald Rieger

Noch während Dr. Ulrike Lamp den Angehörigen die Todesnachricht überbringt, klingelt bei Pilot Heiner Hinze das Telefon. Die Rettungsleitstelle Mitte fragt nach, ob „Christoph 42“ im Anschluss einen Verlegungseinsatz durchführen kann. Der Flug soll vom Krankenhaus Niebüll aus nach Hamburg gehen. Ein männlicher, 75-jähriger Patient wurde bereits am frühen Morgen mit einer bradykarden Herzrhythmusstörung mit 35 Schlägen (Puls) pro Minute ins Krankenhaus eingeliefert. In der Notfall-Koronarangiographie (Untersuchung der Herzkranzgefäße) hatte der Patient für 20 Sekunden einen Herzstillstand, woraufhin er einen Herzschrittmacher erhielt. Da die Herzkranzgefäße hochgradig verengt sind, muss der Patient zur Bypass-OP nach Hamburg verlegt werden.

Landung am Krankenhaus in Niebüll. Im Hintergrund ist die Station von „Christoph Europa 5“ – ebenfalls von der DRF Luftrettung – zu sehen

Landung am Krankenhaus in Niebüll. Im Hintergrund ist die Station von „Christoph Europa 5“ – ebenfalls von der DRF Luftrettung – zu sehen
Foto: Harald Rieger

Dieser Einsatz wird zwar noch bei Dämmerungsbeginn starten, jedoch ist abzusehen, dass der Rückflug bei dunkelster Nacht stattfinden wird. Daher fliegt die Besatzung erst zurück an die Station, um alle Vorbereitungen für den Einsatz zu treffen. Die Wetterbedingungen sind akzeptabel: Trotz eines angekündigten Schauers über Hamburg liegt die Wolkenunterdecke hoch genug. Die Verlegung kann durchgeführt werden. Während Pilot und Co-Pilot die Maschine noch einmal auftanken und den Flug vorbereiten, stellt Dr. Ulrike Lamp die notwendigen Medikamente zusammen.

Die Übergabe am Krankenhaus verläuft zügig und ohne Komplikationen

Die Übergabe am Krankenhaus verläuft zügig und ohne Komplikationen
Foto: Harald Rieger

Nach der Landung am Krankenhaus Niebüll wird der Patient verladen. Dank der genauen Planung stehen die Mediziner aus Niebüll bereits am Landeplatz bereit und unterstützen bei der Übergabe. Wenig später hebt Heiner Hinze die Maschine in den dunkelrot dämmernden Abendhimmel und geht auf Kurs Hamburg. Die Entfernung beträgt knapp 157 Kilometer, die berechnete Flugzeit wird mit etwa 42 Minuten angegeben. Plötzlich wird es im Heck der Kabine unruhig. Der Patient wechselt von spontanen Rhythmen zu reinen Pacer-Phasen, woraufhin Notärztin Dr. Ulrike Lamp und Rettungsassistent Jan-Olaf Weigt kreislaufunterstützende Medikamente zur Stabilisierung des Blutdruckes geben. Schnell stabilisiert sich der Zustand des Patienten. Bis zur Landung am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf kommt es zu keinen weiteren Zwischenfällen. Die Übergabe ist vorher angekündigt worden und verläuft ebenso zügig wie professionell. Vor dem Abflug telefoniert Heiner Hinze erneut mit der Wetterzentrale, um sich über eventuelle Wetteränderungen und den angekündigten Schauer zu informieren. Die Bedingungen sind weiterhin gut, wenig später startet er die Maschine.

Nächtliche Landung von „Christoph 42“ am Unfallkrankenhaus Eppendorf

Nächtliche Landung von „Christoph 42“ am Unfallkrankenhaus Eppendorf
Foto: Harald Rieger

Gegen kurz nach Mitternacht schwebt „Christoph 42“ wieder in Rendsburg ein. Die Piloten fahren die BK 117 auf der Plattform in den Hangar und verschließen die Tore. Jan-Olaf Weigt und Dr. Ulrike Lamp füllen das medizinische Equipment wieder auf und verschwinden im Büro. Nach dem Eintragen der Daten in das Dokumentationssystem knipst Dr. Ulrike Lamp das Licht aus und begibt sich geradewegs in ihren Ruheraum. Sie schmunzelt: „Na hoffentlich bleibt es heute Nacht ruhig, ein paar Stunden Schlaf täten jetzt gut...“ Und sie soll Recht behalten, denn tatsächlich klingelt es erst um kurz vor halb sechs – und zwar nicht zum Einsatz, sondern ihr Wecker. Eine Stunde später steht die Ablösung der Crew in der Tür und übernimmt. Die 24 Stunden auf dem Rettungshubschrauber in Rendsburg neigen sich dem Ende zu – wieder wurden die Besatzung und die Maschine in unterschiedlichen Situationen gefordert und benötigt – und wieder konnten Menschenleben gerettet werden. Eben ein „ganz normaler Tag“ an der Station in Rendsburg.

 
Autor(en)
HRG
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