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Die „Wiege der deutschen Luftrettung“: SAR-Kommando Landsberg (Teil 1)

02.11.2014

In dieser Reportagenserie sind erschienen:

Von Gastautor Christian Bachschmid erreichte rth.info die folgende Reportage über die bedeutenden Beiträge der Bundeswehr zum Aufbau der deutschen Luftrettung. Mit dem Fokus auf die Rolle des Lufttransportgeschwaders LTG 61 in Penzing bei Landsberg / Lech schildert sie die Geschichte, den Einsatzbetrieb und Perspektiven der heutigen „Einsatzgruppe Bell UH-1D SAR“.

Die beiden Maschinen SAR 56 (im Vordergrund) und SAR 58 abflugbereit auf dem Vorfeld des Fliegerhorstes Penzing

Die beiden Maschinen SAR 56 (im Vordergrund) und SAR 58 abflugbereit auf dem Vorfeld des Fliegerhorstes Penzing
Foto: Christian Bachschmid

Geschichte des SAR-Kommandos in Landsberg am Lech

Mit dem Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur ICAO (International Civil Aviation Organization) am 12.10.1956 musste sich diese unter anderem dazu verpflichten, den „Search-and-Rescue-Auftrag“, kurz SAR (lt. Artikel 25 bzw. Annex 12, Chicagoer Abkommen vom 07.12.1944), im eigenen Hoheitsgebiet zu gewährleisten. Dieser Auftrag wurde vom Bundesverkehrsministerium an die Bundeswehr und dort an die Luftwaffe delegiert. Im Rahmen des sogenannten „Fähigkeitstransfers Hubschrauber“ erfolgte zum 01.01.2013 der Zuständigkeitsübergang von der Luftwaffe auf das Heer. Für den Seenotrettungsdienst und den SAR-Dienst für Luftnotlagen über See bestehen anderweitige Regelungen mit den Marinefliegern.

Geschichtsträchtige Helmtasche eines erfahrenen SAR-Fliegers

Geschichtsträchtige Helmtasche eines erfahrenen SAR-Fliegers
Foto: Christian Bachschmid

Bereits 1959 stellte die noch junge Bundeswehr an den Standorten Faßberg, Fürstenfeldbruck und Lechfeld erste „Luftrettungs- und Verbindungsstaffeln“ auf. Der Flugbetrieb startete mit den Mustern Bell 47, Dornier Do 27A und Bristol 171 „Sycamore“. 1961 kam die - umgangssprachlich als „Banane“ bezeichnete - Boeing Vertol H-21 hinzu. In der Folge verblieben nur die „Sycamore“ und die ab 1965 eingeführte Sikorsky H-34 in der Flotte. In dieser Zeit wurden bereits erste Bergrettungseinsätze in den Alpen geflogen.

Am 01.10.1966 wurden u. a. diese ersten Luftrettungsstaffeln im neu gegründeten „Hubschraubertransportgeschwader 64“ – kurz HTG 64 - auf dem Fliegerhorst Penzing nahe der oberbayrischen Stadt Landsberg am Lech zusammengefasst. Ab Januar 1968 leistete das Geschwader die Pionierarbeit bei der Einführung der Bell UH-1D in der Luftwaffe. Hilfreich war dabei die räumliche Nähe zu Dornier in Oberpfaffenhofen (Oberbayern), wo die Bell UH-1D seinerzeit in Lizenzproduktion hergestellt wurde. Mit abgeschlossener Einführung der „Huey“ wurden die bisherigen Muster „H-34“ und „Sycamore“ bei der Luftwaffe endgültig abgelöst. Bei ersten humanitären Auslandseinsätzen in Tunesien (1969) und in Pakistan (1970) zur Hochwasserhilfe stellte das neue Muster seine Zuverlässigkeit unter Beweis.

Im April 1971 wurde das HTG 64 ins niedersächsische Ahlhorn verlegt, wobei die erste verstärkte Staffel weiterhin in Penzing verblieb. Während in den Anfangsjahren Hilfeleistungen für das zivile Rettungswesen nur im Rahmen der „dringenden Nothilfe“, bei Naturkatastrophen und bei besonders schweren Unglücksfällen durch das Geschwader erbracht wurden, sollte sich dieses Aufgabenfeld durch die Gründung des Test-Rettungszentrums der Bundeswehr in Ulm zum 02.11.1971 deutlich erweitern.

Kartenraum für die Flugplanung und Missionsvorbereitung

Kartenraum für die Flugplanung und Missionsvorbereitung
Foto: Christian Bachschmid

Nach einer kurzen Anlaufphase von etwa sechs Monaten, während derer tagtäglich in den frühen Morgenstunden eine Maschine zum Bundeswehrkrankenhaus nach Ulm verlegt und abends wieder zurück nach Penzing geflogen wurde, stationierte die Luftwaffe dauerhaft eine Maschine nebst dem fliegerischen Personal (Hubschrauberführer und Bordtechniker) in Ulm. Es war die Geburtsstunde des „SAR Ulm 75“, welcher als erster SAR-Hubschrauber permanent mit einem Notarzt und einer entsprechenden notfallmedizinischen Ausrüstung ausgestattet war. Nach dem zivilen Christoph 1 aus München, bei welchem sich die Bundeswehr in seiner frühen Erprobungsphase ebenfalls engagiert hatte, war der Außenstandort des HTG 64 in Ulm der zweite Rettungshubschrauber im klassischen Sinne überhaupt in der Bundesrepublik Deutschland.

Ausgehend von Ulm gehörte der damalige Oberstarzt Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Ahnefeld zu den Gründungsvätern der präklinischen Notfallmedizin in Deutschland. Dabei spielten die praktischen Einsatzerfahrungen des „SAR Ulm 75“ eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung und Erprobung notfallmedizinischer Standards, wie zum Beispiel

  • dem „Ulmer Koffer“
  • und dem ersten transportablen Hydraulik-Spreizer zur Befreiung von Unfallopfern aus Kraftfahrzeugen.
Zwei Bell UH-1D kurz nach dem Start zu einem Übungsflug

Zwei Bell UH-1D kurz nach dem Start zu einem Übungsflug
Foto: Christian Bachschmid

Die überaus positiven Erfahrungen aus dem Test-Rettungszentrum einerseits und der steigende Bedarf an qualifizierter präklinischer Notfallversorgung andererseits führten dazu, dass sich die Bundeswehr in der Folgezeit deutlich stärker in der Luftrettung engagieren sollte. Es folgte der Aufbau weiterer Rettungszentren mit

  1. dem SAR 73 Koblenz
  2. und dem SAR 71 Hamburg (jeweils 1973),
  3. dem SAR 74 Nürnberg und
  4. dem SAR 72 Würselen (1974) sowie
  5. dem SAR 76 in Rheine (1982).
  6. Als letztes Rettungszentrum wurde der SAR 93 in Neustrelitz im Jahre 1996 in Dienst gestellt.

Zuvor hatte die Luftwaffe bereits an zahlreichen anderen Standorten grundlegende Beiträge zum Aufbau des Luftrettungsnetzes in den neuen Bundesländern geleistet.

Der wesentliche Unterschied zwischen einem SAR-Kommando mit und ohne Rettungszentrumsbetrieb bestand in der permanenten Besetzung mit einem Notarzt und einer maximalen Dauer bis zum Abheben der SAR-Maschine von fünf Minuten nach erfolgter Alarmierung. Dennoch flogen auch die reinen SAR-Kommandos, welche primär den eingangs genannten ICAO-Suchauftrag erfüllen sollten, zahlreiche Rettungseinsätze im Rahmen der „dringenden Nothilfe“. Hierzu bestanden vielfach enge Kooperationen zu Notärzten, welche kurzfristig aktiviert werden konnten. Die Vorlaufzeiten für die Einsatzbereitschaft waren entsprechend etwas länger und lagen im Bereich von 15 bis 30 Minuten. Die Einsatzanforderung erfolgte bei den Rettungszentren entweder direkt über die jeweils zuständigen zivilen Rettungsleitstellen oder indirekt über die SAR-Leitstelle (später bezeichnet als „Rescue Coordination Center“ – kurz RCC) der Luftwaffe in Goch und nach dessen Verlegung in Münster.

Der Fliegerhorst in Penzing stellte in der Hochzeit des Engagements der Luftwaffe in der Luftrettung bis zu acht SAR-Kommandos im Süden von Deutschland. Neben den drei Rettungszentren

  1. Ulm,
  2. Nürnberg und
  3. Koblenz

waren dies die Standorte in

  1. Nörvenich (SAR 41),
  2. Pferdsfeld/Malmsheim (SAR 46),
  3. Manching/Ingolstadt (SAR 51),
  4. Bremgarten (SAR 61) und
  5. Landsberg selbst (SAR 56 und 58).

Allerdings sollte hier nicht unerwähnt bleiben, dass sich durch Änderungen in den Verbandsstrukturen mehr oder minder häufig Wechsel hinsichtlich der Zuständigkeiten der Geschwader ergaben. Im Jahre 1979 erfolgte eine größere strukturelle Veränderung mit der Ausgliederung der 1. Staffel aus dem HTG 64 und der zeitgleichen Eingliederung als 1. und 2. Hubschraubertransportstaffel in das Lufttransportgeschwader 61, welches ab 1971 ebenfalls in Penzing stationiert war. Später wurden daraus die zweite fliegende Staffel (2./LTG 61) und die dritte fliegende Staffel (3./LTG 61), welche bis zum 30.09.2006 auf dem Fliegerhorst Nörvenich in Nordrhein-Westfalen stationiert war. Anschließend erfolgte die Zusammenlegung mit der zweiten Staffel in Penzing.

Die „365/24/7-Wache“ des SAR-Kommandos in Penzing

Die „365/24/7-Wache“ des SAR-Kommandos in Penzing
Foto: Christian Bachschmid

Im Rahmen von politischen Veränderungen zog sich die Bundeswehr ab Ende der 1990er Jahre konsequent aus der zivilen Luftrettung zurück und es erfolgte die Übergabe an zivile Betreiber wie beispielsweise an die ADAC Luftrettung gGmbH mit der Übergabe des Rettungszentrums in Ulm zum 31.03.2003. Schließlich wurden (auch wegen des sukzessiven Rückgangs militärischer Flugbewegungen über Deutschland) viele der klassischen Land-SAR-Kommandos entweder vollständig aufgelöst oder unter der Obhut der zweiten fliegenden Staffel des LTG 61 zusammengefasst. In der Folge des weiteren Rückzuges und der Einstellung des Flugbetriebs mit der Bell UH-1D im LTG 63 aus Hohn verblieben lediglich 2011 drei SAR-Kommandos in der Hand der Luftwaffe:

  1. SAR 41 in Nörvenich,
  2. SAR 87 in Holzdorf (beide betreut durch die Lufttransportgruppe (LTGrp 62), später Hubschraubergeschwader HSG 64) und
  3. SAR 56 sowie dessen Ersatz- und Springermaschine SAR 58 am Heimatstandort des LTG 61 in Penzing.
Die als

Die als "SAR 56" einsatzbereite Maschine
Foto: Christian Bachschmid

Die bislang letzte große und grundlegende Veränderung fand zum 01.01.2013 statt. Zu diesem Zeitpunkt trat eine „Leistungsvereinbarung Einsatzgruppe SAR“ in Kraft, welche bislang bis zum 31.12.2014 Bestand hat. Diese Vereinbarung hatte die formale Auflösung der zweiten Staffel des LTG 61 zur Folge und deren Eingliederung in das „Transporthubschrauberregiment 30“ des Heeres in Niederstetten in die dortige „Fliegende Abteilung 301“. Im Rahmen dieser Leistungsvereinbarung zwischen Heer und Luftwaffe wurden die Maschinen des nunmehr in der 2./LTG 61 zusammengefassten Restbestandes (Verfügungsbestand von bis zu 15 Bell UH-1D) von Bell UH-1D der Luftwaffe buchmäßig den Heeresfliegern übertragen. Die „Bereitstellung der Flugstunden und der technischen Unterstützung“ erfolgt weiterhin durch das Stammpersonal aus Penzing, das nun formell die Teilstreitkraft gewechselt hat.

Einsatzbetrieb

Die heutige „Einsatzgruppe SAR“ hat ihre Heimat weiterhin auf dem Gelände des Fliegerhorstes Penzing bei Landsberg am Lech. Dort steht der Mannschaft in einer Sollstärke von bis zu 41 Personen ein Staffelchef voran.

Lesen Sie mehr dazu auf rth.info im zweiten Teil dieser Reportage. Er ist wieder auf der Startseite als Titelthema erschienen.

 
Autor(en)
Christian Bachschmid