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Das SAR-Kommando in Landsberg am Lech (Teil 2)

18.11.2014

In dieser Reportagenserie sind erschienen:

Die heutige „Einsatzgruppe SAR“ hat ihre Heimat weiterhin auf dem Gelände des Fliegerhorstes Penzing bei Landsberg am Lech. Dort steht der Mannschaft in einer Sollstärke von bis zu 41 Personen ein Staffelchef voran. Die operative Führung wird von den Einsatzoffizieren gewährleistet, welche in Personalunion auch zu den Hubschrauberführern (Piloten) gehören.

Der Einsatzbetrieb

Insgesamt stehen bis zu 18 Piloten, weitere 18 Bordmechanikermeister und 20 Luftrettungsmeister (vergleichbar mit dem Rettungsassistent / HEMS TC in der zivilen Luftrettung) zur Besetzung der drei verbliebenen SAR-Kommandos zur Verfügung. Die Luftrettungsmeister werden dabei vom „Zentralen Sanitätsdienst“ der Bundeswehr gestellt. In Penzing selbst sind die beiden Maschinen SAR 56 und SAR 58 stationiert. Dazu kommt die Gestellung von Personal und Fluggerät für die Standorte Nörvenich (SAR 41) und Holzdorf (SAR 87). Die technische Gruppe des LTG 61 zeichnet für die Wartung und Instandhaltung aller verbliebenen „Hueys“ verantwortlich. Gleiches gilt für alle Zusatzleistungen (z.B. Betankung, Materialwirtschaft etc.), welche für den Einsatz- und Flugbetrieb notwendig sind. Im Gegensatz zum Flugbetrieb beim Heer werden die SAR-Maschinen weiterhin in der Cockpitbesatzung mit nur einem Piloten und einem Bordmechanikermeister betrieben.

“SAR 56“ an der Unfallklinik Murnau

“SAR 56“ an der Unfallklinik Murnau
Foto: Manuel Heiduczek

Aufgrund des nahezu vollständigen Rückzugs aus dem zivilen Einsatzgeschehen sind die Einsatzzahlen seit Jahren stark rückläufig. In 2013 erfolgten über das RCC Münster 1.324 Alarmierungen für die drei SAR-Land-Kommandos insgesamt. Daraus resultierten 184 konkrete Einsätze, davon 115 im Rahmen der dringenden Nothilfe für den zivilen Bedarf. Dabei wurden 163 Personen versorgt und transportiert. Hinzu kamen weitere 44 Luftnot-Einsätze, welche im Rahmen des klassischen SAR-Auftrags geleistet wurden.

Diese Zahlen dokumentieren deutlich den weitgehenden Rückzug der Bundeswehr aus dem zivilen Rettungswesen. Die über 80 zivilen Luftrettungsstandorte in Deutschland scheinen vordergründig den Einsatz der SAR-Kommandos im Rahmen der dringenden Nothilfe verzichtbar gemacht zu haben. Dennoch stehen mit dem Klassiker der Luftrettung, der Bell UH-1D, und deren Besatzungen, ein nach wie vor äußerst effizientes und leistungsfähiges Rettungsmittel zur Verfügung. Das SAR-Kommando in Penzing genießt im Bereich der Gebirgsfliegerei und in der Bergrettung einen exzellenten Ruf. Die Leistungsfähigkeit und die Zuverlässigkeit der „Huey“ tragen dazu genauso bei wie das jahrzehntelange Knowhow der Besatzungen. Hinzu kommt die Nachtflugtauglichkeit, welche regelmäßig im „BiV-Betrieb“ (mit Restlichtverstärkerbrille) geübt wird. Die volle Instrumentenlandefähigkeit im ILS-Betrieb macht die SAR-Kommandos rund um die Uhr und bei nahezu jedem Wetter verfügbar.

Das „rote Telefon“ über welches die Alarmierung des SAR-Teams erfolgt

Das „rote Telefon“ über welches die Alarmierung des SAR-Teams erfolgt
Foto: Christian Bachschmid

Bei Großschadenslagen und im Katastrophenfall können zudem gleich zwei Patienten pro Maschine liegend transportiert und grundversorgt werden. Ein Beispiel hierzu aus dem SAR-Jahresbericht von 2005:

„Der Weltjugendtag 2005 vom 19.-22.08.2005 wurde durch den SAR-Dienst der Bundeswehr unterstützt. So waren zwei SAR-Hubschrauber vom Typ Bell UH-1D während des gesamten Zeitraumes tagsüber in Bereitschaft auf dem Marienfeld und standen nachts in Nörvenich für eventuelle Notfälle bereit. Zusätzlich wurden zwei Großraumhubschrauber vom Typ CH-53 in Mendig stationiert und in Bereitschaft genommen. Zur Koordination des Luftverkehrs vor Ort waren zwei Soldaten der SAR-Leitstelle Münster als On-Scene-Coordinator während des gesamten Zeitraumes auf dem Marienfeld eingesetzt.“

Alle Maschinen sind zudem mit leistungsfähigen Rettungswinden ausgerüstet. Einsatzerfahrungen im zivilen Bereich ergänzen zudem das Training der Crews für die militärischen Einsätze, welche die Bundeswehr gerade bei den Auslandseinsätzen stetig zunehmend leisten muss. Die notfallmedizinische Ausrüstung besteht aus einem eigens von der Luftwaffe entwickelten SAR-Rüstsatz, welcher aus einer „normalen“ Bell erst einen voll nutzbaren RTH / ITH macht. Folgende Ausrüstung, gegliedert in Module, wird standardmäßig mitgeführt (Auszug):

  • Defibrillator – semiautomatisch mit Herzschrittmacher,
  • Intensivbeatmungsgerät,
  • Patientenmonitor mit Capnometrie,
  • Spritzenpumpe für drei Spritzen,
  • Absaugpumpe,
  • medizinischer Sauerstoff,
  • Vakuummatratze,
  • Thoraxdrainageset,
  • Intubationsbesteck,
  • Notarztkoffer Kinder,
  • Rettungsrucksack,
  • Medikamente nach Standardempfehlung der DIVI
  • und vieles mehr.
Karten- und Flugvorbereitungsraum in der SAR-Wache

Karten- und Flugvorbereitungsraum in der SAR-Wache
Foto: Christian Bachschmid

Am Standort Landsberg gibt es die Besonderheit, dass dort zwei unterschiedlich konfigurierte Maschinen ständig bereit gehalten werden: die SAR 56 in der vorgenannten Bestückung und die SAR 58 in einer stark gewichtsreduzierten Ausstattung, welche es ermöglicht, größere Flughöhen im Gebirge zu erreichen und zu halten. Diese sogenannte „Gebirgsmaschine“ ist zudem bezüglich der medizinischen und sonstigen Ausrüstung auf das besondere Einsatzgebiet hin optimiert.

An den drei SAR-Kommandos ist jeweils eine Besatzung bestehend aus drei Personen (Hubschrauberführer, Bordmechanikermeister und Luftrettungsmeister) rund um die Uhr in ständiger Rufbereitschaft. Eine Crew hat jeweils sieben Tage am Stück gemeinsam Dienst. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang stehen die Bell UH-1D jeweils abflugbereit auf dem Vorfeld parat. Im Falle einer Alarmierung ist das Team tagsüber spätestens nach 5 bis 15 Minuten in der Luft und auf dem Weg zum Zielort. Während der kalten Jahreszeit werden die Kabinen mittels Heizgeräten auf Temperatur gehalten. Dies geschieht primär zur Frostsicherung der Medikamente und nicht zum Komfort.

Nach Sonnenuntergang und über die Nacht steht das Fluggerät im Hangar. Die Vorlaufzeiten für einen Einsatz verlängern sich entsprechend, wobei alle Beteiligten den Ehrgeiz haben, die Zeitvorgaben der Alarmierungszeiten erheblich zu unterbieten. Die diensthabende Besatzung absolviert zudem regelmäßige „SAR Exercises“. Darunter sind realitätsnahe Übungseinsätze z.B. in Kooperation mit zivilen Rettungskräften zu verstehen, wobei das jeweilige SAR-Kommando stets für tatsächliche Notfälle einsatz- und abrufbereit bleibt. Die aktiven Besatzungen tragen die klassischen Fliegerkombis im gut sichtbaren „SAR-Orange“. Ansonsten wird das typische olivfarbene Outfit getragen und alle Besatzungen, welche nicht gerade im direkten SAR-Dienst stehen, sind in ihren Dienstplänen für Übungsflüge, administrative Aufgaben, Rufbereitschaften und dergleichen mehr eingesetzt.

Crew-Aufenthaltsraum in der SAR-Wache

Crew-Aufenthaltsraum in der SAR-Wache
Foto: Christian Bachschmid

Perspektiven

Bedingt durch den Wegfall zahlreicher Standorte und Kommandos ist die Mannschaft über die Jahre hinweg deutlich kompakter geworden, dennoch kann man in den Hangars und Räumen der „Einsatzgruppe SAR“ die Betriebsamkeit und Größe früherer Zeiten noch gut erahnen. Alle Beteiligten kennen sich seit vielen Jahren, man ist eine eingeschworene, aber nicht verschlossene Truppe von Spezialisten innerhalb des großen Apparats der Bundeswehr und zwischen den verschiedenen Waffengattungen. Die Aufgabe als Such- und Rettungsmittel wird dabei nach wie vor als sehr sinnstiftend empfunden. Wer sich für eine Laufbahn im SAR-Dienst entschieden hat, der hat diese sehr bewusst gewählt und bringt dazu die richtige Einstellung und innere Überzeugung mit, Kameraden und Mitmenschen primär helfen zu wollen. Der Dienst an der Waffe scheint in diesem Zusammenhang eher hintergründig zu sein, schließlich ist man eine unbewaffnete Einheit. Gekämpft wird aber leidenschaftlich und mit vollem Einsatz um jedes Menschenleben. Politische Grundsatzentscheidungen, zahlreiche Bundeswehrreformen, das bemerkenswert große Engagement von ADAC und DRF haben Einsatzgebiete und vor allem das Einsatzaufkommen des SAR-Dienstes grundlegend verändert. Und dennoch: Kaum einer vor Ort würde es vor lauter Bescheidenheit so formulieren, doch die „Wiege der deutschen Luftrettung“ entstand und steht auf dem Luftwaffenstützpunkt in Penzing.

Innenraum der gewichts- und ausstattungsoptimierten Gebirgsmaschine “SAR 58“

Innenraum der gewichts- und ausstattungsoptimierten Gebirgsmaschine “SAR 58“
Foto: Christian Bachschmid

Bis spätestens zum 31.12.2016 heißt es Abschied nehmen von der „guten alten Huey“. Auf Anfrage von rth.info teilte das Kommando Heer mit, dass nun mit dem Eurocopter „EC 135 T3“ ein Nachfolgemuster für den SAR-Dienst zu Lande bestellt wurde. Die Stationierung der fünf bestellten Maschinen ist allerdings noch offen. Sicher ist nur, dass diese in einem Einsatz- und Zeitradius von 60 Minuten jeden Punkt im Bundesgebiet erreichen sollen.
Was das für die derzeit bestehenden Standorte, für die Kooperation zwischen Herr und Luftwaffe und für das künftige operative Konzept bedeutet ist allerdings derzeit noch offen. Eine aktuelle Vereinbarung zwischen dem Bundesverkehrs- und dem Verteidigungsministerium regelt jedenfalls weiterhin die Übernahme des SAR-Auftrags (sowohl zu Wasser als auch zu Land) durch die Bundeswehr. Über die weiteren Entwicklungen hierzu werden wir weiterhin und jeweils aktuell berichten.

Der lebensrettende „Haken“ der Seilwinde

Der lebensrettende „Haken“ der Seilwinde
Foto: Christian Bachschmid

 
Autor(en)
Christian Bachschmid