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Ciao Bella!

12.01.2016

2015 ist Geschichte und mit dem Jahr geht auch ein über 20 Jahre in der deutschen Luftrettung eingesetzter Hubschraubertyp. „Ciao BELLa, 412“! Die Bell 412 tritt ihren wohlverdienten Ruhestand an.

Rund 25 Jahre lang im Einsatz für Menschenleben - die Bell 412 in der deutschen Luftrettung.

Rund 25 Jahre lang im Einsatz für Menschenleben - die Bell 412 in der deutschen Luftrettung.
Foto: Mario Stelzer

Das Muster Bell 412

Die Bell 412 ist ein Mehrzweckhubschrauber des Amerikanischen Herstellers Bell Helicopter, dessen Prototyp seinen Erstflug im August 1979 hatte.

Die Entwicklung dieses Modells in der erfolgreichen „Huey“-Reihe begann in den späten 70er Jahren, um die Schwachpunkte des Vorgängers Bell 212 in Bezug auf Geschwindigkeit und Reichweite zu beheben. Hierbei ging man im Hause Bell Helicopter einen neuen Weg und ersetzte das bis dato verwendete 2-Blatt Hauptrotorsystem durch einen neu konstruierten 4-Blatt Rotor. Dieses neue Rotorsystem brachte eine Reihe von Verbesserungen mit sich. Hier ist vor allem der Punkt der Geräuschentwicklung hervorzuheben: Hat die Bell 412 nicht mehr den seit dem Vietnamkrieg bekannten und bei vielen Fans beliebten „Teppichklopfer“-Sound, der von den tief profilierten Blättern der Huey verursacht wurde. Ein weiterer Vorteil sind die erheblich reduzierten Vibrationen, die neben Passagieren oder Patienten auch der Struktur der Maschine zu Gute kommen, da durch die geringeren Schwingungen der Verschleiß verlangsamt und die Lebensdauer erhöht werden konnte. Das Problem der Reichweite wurde gelöst, indem das Tankvolumen auf 1250l gesteigert wurde.

Angetrieben wird die Bell 412 von einer Twin-Pack-Turbine aus dem Hause Pratt & Whitney. Diese besteht aus 2 miteinander verbundenen PT6-Turbinen , die ihre Leistung über ein Zwischengetriebe (auch “combining gerabox“ genannt) auf eine gemeinsame Welle zum Hauptgetriebe geben und eine Leistung von rund 1800WPS in der beim HDM größtenteils genutzten Version Bell 412HP „High Performance“ bringen.

Nach der Entwicklung wurde die Produktion der Maschine nach Quebec in Kanada verlagert. Des Weiteren wurde der Hubschrauber von Agusta in Italien und ITPN in Indonesien in Lizenz gebaut. Auch ein solches Modell fand beim HDM bis zum Ende der Bell 412-Ära Verwendung: Die Maschine mit der Registrierung „D-HHAA“ war eine Agusta-Bell, welche der HDM im Jahr 2006 vom Schwedischen Militär erwarb und für den Einsatz als Intensivtransporthubschrauber in Deutschland umgerüstet hat. Frühere Versionen der Bell 412 konnten mit Radfahrwerk bestellt werden, welches so auch bis 2001 Verwendung beim HDM fand. Da sich dies im Alltag als weniger praktisch erwies, wurde es durch ein einfaches Kufenlandegestell ersetzt.

Anfangs Standard bei den Bell 412 des HDM: Das Radfahrgestell. Hier der ITH aus Regensburg am alten Landeplatz in Erlangen.

Anfangs Standard bei den Bell 412 des HDM: Das Radfahrgestell. Hier der ITH aus Regensburg am alten Landeplatz in Erlangen.
Foto: Jürgen Handrich

Dass Bell Helicopter weiterhin versucht am erfolgreichen Modell Bell 412 festzuhalten und dieses auch wieder für den Europäischen Markt attraktiv zu machen, zeigt das letzte Mitglied der Familie: Die Version „EPi“ wurde erstmals im März 2013 auf der Heli Expo in Las Vegas vorgestellt. Hier wurde neben einer vollelektronischen Triebwerkssteuerung auch ein komplettes Glascockpit verbaut. Außerdem konnte die Leistung nochmals um 15% gegenüber dem Modell „EP“ (Enhanced Performance) angehoben werden. Die Bell 412 EPi wird serienmäßig mit dem sogenannten „FastFin“-System ausgeliefert, welches durch eine Veränderung der Form des Heckauslegers eine erneute Leistungssteigerung erbringen konnte.

Viel Platz, große Reichweite – perfekt für Intensivverlegungen

In der deutschen Luftrettung befand sich die Maschine hauptsächlich bei der Firma HDM Flugservice (Hubschrauber Dienst Martinsried) – heute HDM Luftrettung als hundertprozentige Tochtergesellschaft der DRF Luftrettung – im Einsatz. Diese setzte das Muster seit ihrer Spezialisierung auf den luftgebundenen Intensivpatiententransport im Jahre 1991 ein. So wurde der bundesweit erste und vom HDM entwickelte Intensiv-Transport-Hubschrauber (ITH) am 1. April 1991 am Klinikum München-Großhadern stationiert.

Ohne viel Monitore, trotzdem funktionell - das Cockpit der Bell 412, hier die Einsatzmaschine mit Kennung D-HHAA.

Ohne viel Monitore, trotzdem funktionell - das Cockpit der Bell 412, hier die Einsatzmaschine mit Kennung D-HHAA.
Foto: Alexander Wagner

Die Flotte der für diesen Zweck vorgehaltenen Maschinen bestand in den Anfangsjahren aus verschiedenen Hubschraubertypen, darunter die Bell 206L, Bell 230 sowie die AS 350. Den Großteil der Flotte stellten aber die eingesetzten Bell 412 dar. Sie eignete sich durch ihren großen Innenraum perfekt für den Transport von Intensivpatienten zwischen Krankenhäusern, was zu Beginn nahezu die reine Hauptaufgabe der HDM-Stationen darstellte. So war auch das Mitführen von zusätzlichem Personal oder speziellem Equipment, wie beispielsweise eine externe Herz-Lungen-Maschine (ECMO), kein Problem.

Ein weiterer Pluspunkt für die 412 war der bereits erwähnte, vergleichsweise große Treibstoffvorrat, der auch das Zurücklegen weiter Strecken ohne Zwischenstopp möglich machte. Dadurch wurden nicht selten dringende Verlegungen quer durch das Bundesgebiet durchgeführt, um den Patienten in ganz Deutschland die bestmögliche medizinische Versorgung zu garantieren.

Für kurze Zeit “Exot“ unter den eingesetzten 412 der HDM-Luftrettung: Die weiße D-HHDM nach ihrer Überführung aus Italien und vor ihrer Lackierung ins „Corporate Design“ der DRF, unterwegs als „Christoph Nürnberg“.

Für kurze Zeit “Exot“ unter den eingesetzten 412 der HDM-Luftrettung: Die weiße D-HHDM nach ihrer Überführung aus Italien und vor ihrer Lackierung ins „Corporate Design“ der DRF, unterwegs als „Christoph Nürnberg“.
Foto: Alexander Wagner

Doch immer mehr spielten auch sogenannte „Primäreinsätze“ für die einst reinen Intensivtransporthubschrauber der HDM Luftrettung eine Rolle, die Einsatzzahlen an Notfalleinsätzen stiegen an einigen Standorten – beispielsweise in Regensburg – kontinuierlich an. Immer öfter wurden aufgrund der zahlreichen Vorzüge auf ein Luftrettungsmittel durch die Rettungsleitstellen zurückgegriffen – im Bedarfsfall auch auf einen ITH-Standort der HDM-Luftrettung.

Zwar konnten diese Einsatzarten auch mit der Bell 412 durchgeführt werden, doch verhinderten die großen Außenabmessungen und der starke Rotorabwind oftmals die Landung in unmittelbarer Nähe zur Einsatzstelle. So entschied man sich beispielsweise in Regensburg dazu, eine BK 117 als Standardhubschraubertyp einzusetzen, die mit ihrem geringeren Rotordurchmesser auch auf kleineren Flächen zu landen war, und trotzdem ausreichend Platz für Sekundärverlegungen bot.

Nicht nur durch viel Sprit an Bord, sondern auch durch den großen Patientenraum eignete sich die 412 perfekt für – teils bundesweite – Intensivverlegungen.

Nicht nur durch viel Sprit an Bord, sondern auch durch den großen Patientenraum eignete sich die 412 perfekt für – teils bundesweite – Intensivverlegungen.
Foto: Mario Stelzer

Schleichendes Ende der 412 in der Deutschen Luftrettung

Alle Stationen der HDM Luftrettung sind seit ihrer Gründung rund um die Uhr einsatzbereit, sofern nicht zu schlechte Witterungsbedingungen herrschen. So gehörte und gehört es für die HDM-Crews zur Tagesordnung, dringende Verlegungen oder sogar Primäreinsätze nach speziellem Verfahren auch bei Dunkelheit durchzuführen.

Dies führte natürlich auch dazu, dass die Lärmbelästigung der Anwohner, besonders nahe der angeflogenen Kliniken, durch die nächtlichen Einsätze der Intensivtransporthubschrauber stieg. So gründeten sich mehrere Bürgerinitiativen, die sich – in welcher Weise auch immer – gegen einen derartigen Nachtflugbetrieb stark machten. Auch in Hinblick dessen musste die Bell 412 im Vergleich zu anderen in der Luftrettung eingesetzten, kleineren Mustern eine Niederlage einstecken – war sie doch wegen des großen Rotordurchmessers schon Minuten vor der Landung zu hören.

Für den „Dual-Use“-Betrieb besser geeignet: die BK 117 (im Hintergrund). Sie löste an der HDM-Station in Regensburg schnell die Bell 412 als Standardhubschraubertyp ab.

Für den „Dual-Use“-Betrieb besser geeignet: die BK 117 (im Hintergrund). Sie löste an der HDM-Station in Regensburg schnell die Bell 412 als Standardhubschraubertyp ab.
Foto: Alex Mura

Auch Einsätze nach Sunset waren  für die nachtflugtaugliche 412 kein Problem. Hier zu sehen Christoph Nürnberg zu Gast in Regensburg.

Auch Einsätze nach Sunset waren für die nachtflugtaugliche 412 kein Problem. Hier zu sehen Christoph Nürnberg zu Gast in Regensburg.
Foto: Tobias Klein

Nach Regensburg kam es auch in München Ende 2003 dazu, dass die nächste Bell 412 als Standardhubschraubertyp verschwand und der modernen EC 145 von – damals noch – Eurocopter weichen musste, von deren Typ bereits zu dem Zeitpunkt mehrere bestellt waren. An den meisten der Stationen waren die Bell-Maschinen des Maschinenpools jedoch weiterhin als Ersatzmaschinen aktiv. Gleichzeitig wurde die Zahl der vorgehaltenen 412 jedoch mit dem Verkauf einiger Modelle nach und nach reduziert.

Dass die Bell 412 ein zuverlässiges Arbeitsgerät ist, zeigt mitunter die Tatsache, dass die 412-Flotte des HDM weitestgehend von größeren Zwischenfällen verschont blieb. Am 24. November 2002 kam es jedoch zu einem tragischen Unglück. Bei einem nächtlichen Primärauftrag stürzte „ITH Berlin“ beim Landeanflug auf den Einsatzort, ein Segelflugplatz in Pritzwalk-Sommersberg, ab. Zum Unglückszeitpunkt herrschte dort teils dichter Nebel. Der Copilot kam ums Leben, die weiteren drei Crewmitglieder wurden bei dem Unfall schwer verletzt. Der Patient, für dessen schnellen Transport der Hubschrauber angefordert worden war, verstarb im Rettungswagen auf dem Weg zur Klinik. Die Bell 412 „D-HHXX“ wurde total zerstört und ging in Flammen auf. rth.info berichtete über dieses Unglück in seinen Nachrichten.

Als 24h-ITH waren die Bell 412 auch überregional stark gefragt. Das Bild zeigt eine nächtliche Verlegung vom Thüringer ITH in Koblenz.

Als 24h-ITH waren die Bell 412 auch überregional stark gefragt. Das Bild zeigt eine nächtliche Verlegung vom Thüringer ITH in Koblenz.
Foto: Alex Mura

Dem Ziel einer Flottenvereinheitlichung und der damit verbundenen Kostenminimierung kam die HDM-Luftrettung mit der nächsten Umstellung näher, die im Oktober 2011 am HDM-Standort in der Hauptstadt erfolgte. Die Einführung der EC 145 ermöglichte auch die Verwendung von Restlichtverstärkerbrillen (NVG) zur Optimierung der Sicherheit bei nächtlichen Aufträgen. Die ITH-Station in Nürnberg erhielt im Frühjahr 2015 das neue Muster, eine H145 von Airbus Helicopters.

Den letzten Flug als Bell 412 im Dienste der HDM-Luftrettung absolvierte die rot-weiße „D-HHAA“ am 15. September 2015 als „Christoph Thüringen“, ehe auch dort endgültig auf ein anderes Modell, eine EC 145, getauscht wurde.

Wechsel in der Bayerischen Landeshauptstadt im Herbst 2003: Die Bell 412 D-HHUU im HDM-Farbkleid macht Platz für die nagelneue EC 145 D-HDRR.

Wechsel in der Bayerischen Landeshauptstadt im Herbst 2003: Die Bell 412 D-HHUU im HDM-Farbkleid macht Platz für die nagelneue EC 145 D-HDRR.
Foto: Johannes Wildenauer

Ende einer Ära: Die letzte Bell 412-Station in Bad Berka tauscht auf eine EC 145.

Ende einer Ära: Die letzte Bell 412-Station in Bad Berka tauscht auf eine EC 145.
Foto: Christoph Lundershausen

Mittlerweile befinden sich die noch in der Flotte vorhandenen Bell 412 „D-HHAA“, „D-HHUU“ und „D-HHDM“ am Baden Airpark. Sie stehen zum Verkauf. Die eigens eingerichtete Bell-Werft am Flughafen Nürnberg schloss zum Jahreswechsel ihre Pforten, wie die DRF Luftrettung in einer Pressemitteilung erklärte.

Wie viele Leben die Bell 412 in Einsatz der deutschen Luftrettung gerettet hat, ist unmöglich zu sagen. Feststeht jedoch, dass mit ihr ein äußerst zuverlässiger und für den Sekundäreinsatz noch heute hinsichtlich des Platzangebots beeindruckender Hubschrauber außer Dienst geht. In Erinnerung bleiben wird neben ihrem unverkennbaren Sound und ihrer Abmessungen zweifelsohne auch ihre Bedeutung für die Entwicklung des luftgebundenen Intensivtransportes in Deutschland.

Die D-HHAA war die einzige Agusta-Bell 412 des HDM. Sie verfügte über einen SX5-Suchscheinwerfer.

Die D-HHAA war die einzige Agusta-Bell 412 des HDM. Sie verfügte über einen SX5-Suchscheinwerfer.
Foto: Tobias Klein

Trug bis zuletzt die Farben der HDM-Luftrettung: Die Maschine mit Kennung D-HHUU.

Trug bis zuletzt die Farben der HDM-Luftrettung: Die Maschine mit Kennung D-HHUU.
Foto: Tobias Klein

 
Autor(en)
MST
Tobias Klein