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Christoph 37 - Retter aus dem Südharz

30.01.2004

Im Flug: Die BO 105 CBS-5.

Im Flug: Die BO 105 CBS-5.
Foto: Harald Rieger

Ein kaum hörbares Summen ist der erste Vorbote; dieses Summen verstärkt sich schnell und wird zu einem Knattern. Nicht viel später kommt der Verursacher dieser Geräusche in das Blickfeld des Beobachters: Ein orangefarbener Hubschrauber im Anflug auf das Gelände des Südharz- Krankenhauses. Der Pilot verringert routinemäßig das Tempo des Luftfahrzeugs, bremst, indem er das Heck leicht nach unten drückt. Sanft geht der Hubschrauber zur Landung. Dieses Szenario lässt sich tagtäglich am genannten Klinikum beobachten. Und das immerhin seit nunmehr fast zwölf Jahren. Richtig vermutet: Die zahlreichen Landungen sind kein Zufall; seit 1992 hat der Rettungshubschrauber "Christoph 37" am genannten Krankenhaus sein Zuhause.

Bis 1989/1990 gehörte Thürigen - und somit Nordhausen und Umgebung - zur Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die DDR hatte neben dem SAR-Dienst, der von der Nationalen Volksarmee wahrgenommen wurde, kein Luftrettungsnetz für reguläre notfallmedizinische Indikationen aufgebaut. Erst mit der deutschen Wiedervereinigung in dem o.g. Zeitraum ergab sich der Wille zum Aufbau eines solchen Netzes in Anlehnung an das westdeutsche Rettungsdienstsystem.

BO 105 des BGS als Rettungshubschrauber in Nordhausen

BO 105 des BGS als Rettungshubschrauber in Nordhausen
Foto: Harald Rieger

Die Indienststellung des RTH "Christoph 37" ist datiert auf den 01. Oktober 1992. Als Basis wählte man das Südharz-Krankenhaus, das auch die Notärzte für den RTH stellt. Einige Monate vor "Christoph 37" war bereits in Magdeburg (nordöstlich von Nordhausen) ein Hubschrauber des BMI in Betrieb genommen worden. Mit der Stationierung des RTH in Nordhausen schloss sich das vorrangige Einsatzgebiet des Hubschraubers im (Nord-) Westen an diejenigen der RTH "Christoph 44" in Göttingen und "Christoph 30" in Wolfenbüttel an. Im Jahre 1994 stopfte "Christoph 60" in Suhl eine südlich von Nordhausen bis dahin noch bestehende Lücke im Netz der RTH-Stationen. Außerdem errichtete die Bundesluftwaffe ein knappes halbes Jahr später im südöstlich von Nordhausen gelegenen Jena einen SAR-Hubschrauber-Standort. Dieser Hubschrauber der Bundeswehr (inzwischen ADAC) war und ist ständig mit einem Notarzt besetzt und für den zivilen Luftrettungsdienst verfügbar. Seit 1990 wird zudem in Leipzig seitens der IFA ein RTH vorgehalten. In Nordhausen findet sich somit seit 1994 keine wesentliche Lücke mehr in der flächendeckend verfügbaren Unterstützung des Rettungsdienstes durch RTH. Wie üblich hat das Einsatzgebiet der Rettungsflieger aus Nordhausen einen Radius von ca. 50 Kilometern. "Aber natürlich fliegen wir auch mal weiter weg, wenn es nötig ist", stellt der Pilot klar. Dabei erfolgt die Alarmierung über die Rettungsleitstelle der Stadt Nordhausen. Und durch die Akzeptanz des RTH bei den Disponenten der Leitstelle hat sich "Christoph 37" in der Notfallrettung etabliert. Mit meist knapp 1.000 Einsätzen pro Jahr (die genauen Zahlen für 2003 liegen noch nicht öffentlich vor) weist der Standort bundesweit gesehen kaum eine Besonderheit in dieser Hinsicht auf.

Chr. 37 als Bell UH-1D

Chr. 37 als Bell UH-1D
Foto: Uwe Gorzynski

"Als hier in Nordhausen noch die Bell stand, hatten wir noch eine (fliegerische, d. Red.) Besatzung von zwei Mann", erinnert sich der Pilot an vergangene Zeiten. Und nennt damit auch gleich einen wesentlichen Unterschied zum heutigen Flugbetrieb mit der "BMI-Allzweckwaffe" BO 105 CBS-5. Nordhausen war einer derjenigen Hubschrauber- Standorte des Innenministeriums, an denen einige Jahre lang ein Hubschrauber vom Typ Bell UH-1D flog. Nach der deutschen Wiedervereinigung waren die betreffenden Maschinen - acht an der Zahl - von der Bundeswehr übernommen worden. Anschließend wurden sie entsprechend den Anforderungen des neuen Eigners lackiert und ausgestattet. Grund für diese Anschaffung war der deutlich erhöhte Bedarf an Zivilschutz- Hubschraubern, der aus der Vielzahl neuer Luftrettungs- Stationen in den neuen Bundesländern resultierte. Für die Station Nordhausen war der Hubschrauber mit dem Kennzeichen "D-HBZE" fest vorgesehen. Ende der 1990er Jahre wurden die orangefarbenen Bell UH-1D ausgemustert. Ihre einmotorige Auslegung und die Leistungsreserven in Notsituationen genügten dem Bund nicht, der sich im Rahmen einer Selbstverpflichtung den Anforderungen der EU-weiten Richtlinien der "JAR-OPS 3" stellte. Als Ersatz wurden BO 105 CBS-5 beschafft. Die "Zulu Echo" steht übrigens mittlerweile auf einem Polizeigelände nicht allzu weit von ihrem früheren Einsatzort Nordhausen entfernt. Und - sind auch Besuche möglich? Auf unser Fragen hin schüttelt der Pilot den Kopf.

Der Rettungshubschrauber in Nordhausen wird wie jeder andere Hubschrauber des deutschen Zivilschutzes vom Bund dem zuständigen Land - in diesem Fall Thüringen - bereitgestellt. Das Innenministerium des Bundeslandes Thüringen ist auch Träger des Luftrettungsdienstes in Nordhausen.

Die Einsätze des Hubschraubers im Rahmen der zivilen Luftrettungsaufgaben verteilen sich grob geschätzt, so erklärte man uns bei unserem Besuch, auf 70 % Primär- und 30% Sekundäreinsätze. Bei etwa vier Prozent der Notfälle stellt sich schließlich heraus, dass keine Indikation für einen Notarzt- bzw.
Hubschraubereinsatz vorlag. Das Einsatzgebiet wird wesentlich geprägt durch die Mittelgebirge. Landungen im Schnee, so berichtete man uns, können sich da zu einem echten Problem entwickeln. Gerade mit der noch größeren Bell UH-1D habe man schon mal von Zeit zu Zeit komplette "White-Outs" erlebt. Das heißt: Dem Piloten wird durch aufgewirbelten Schnee komplett die Sicht - und somit die visuelle Orientierung genommen.
Besonders große Städte gibt es im Umkreis von etwa 40 km um Nordhausen nicht. Die Landeshauptstadt Erfurt liegt etwa 60 km Luftlinie entfernt, ebenso das südniedersächsische Göttingen. Einige Bundesautobahnen (u.a. BAB 38) sowie etliche Kilometer Bundesstraßen ziehen sich durch das Revier des RTH, wobei einige Bundesstraßen besondere Unfallschwerpunkte aufweisen, so zum Beispiel die B 4.

Christoph 37 auf seiner Landeplattform

Christoph 37 auf seiner Landeplattform
Foto: Harald Rieger

Sechs Piloten der BGS-Fliegerstaffel Mitte betreuen vorrangig den "Christoph 37", d.h. sie fliegen zwar an verschiedenen Standorten von BGS und Zivilschutz, haben aber den Dienst an der RTH-Station in Nordhausen verhältnismäßig oft auf dem Dienstplan. Die Rettungsassistenten stellte bis Anfang 2003 die Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH). Dann wechselte diese Aufgabe zum Kreisverband Nordhausen e.V. des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Der Pool an Rettungsassistenten des DRK, die regelmäßig auf dem "Christoph 37" Dienst tun, beläuft sich auf etwa sechs Personen. Der in Nordhausen als RTH eingesetzte Hubschrauber kann direkt am Stützpunkt betankt werden. Die meisten Wartungsarbeiten werden an der zuständigen BGS- Fliegerstaffel in Fuldatal durchgeführt.

Innenausstattung des RTH

Innenausstattung des RTH
Foto: Harald Rieger

Wie derzeit alle RTH des Bundes ist "Christoph 37" nur tagsüber einsatzbereit. Nachts kann jedoch der in Bad Berka bei Erfurt stationierte ITH "Christoph Thüringen" angefordert werden. Allerdings 'nur' für Verlegungsflüge und zum Abtransport von bereits durch ein Rettungsteam transportfertig gemachten Patienten von einer Einsatzstelle in ein Krankenhaus. Voraussetzung ist dabei eine adäquate Ausleuchtung der Einsatzstelle (z.B. durch die Feuerwehr). Tagsüber wird der ITH nur dann primär als Notarztzubringer genutzt, wenn alle Primär- Luftrettungsmittel (RTH) schon im Einsatz sind. Was übrigens eher selten vorkommt.

Und wie sieht es in Nordhausen aus mit Gedanken über einen Nachfolger für die BO 105? Die während unseres Besuches diensthabende Crew tippte auf ein Produkt von Eurocopter. Konkret erwähnte der Pilot dabei die EC 135 - aus flugbetrieblichen Gründen. Kämen in den kommenden Jahren beispielsweise EC 145 oder ein Muster eines anderen Herstellers als Ersatz für die BO 105, so hätte dies für die Piloten vor allem eine Konsequenz: Ein zusätzliches Rating wäre notwendig, um dieses Muster fliegen zu dürfen. Ziel des BGS ist jedoch seit einigen Jahren der entgegengesetzte Trend: Eine Typenreduzierung und eine Vereinheitlichung der Flotte mit nur noch drei Hubschraubermustern (EC 135, EC 155, Puma). Zudem würde beispielsweise die EC 145 vermutlich eine zu große finanzielle Belastung angesichts der klammen Haushaltslage darstellen. An sich nichts Neues, wenn auch die "Lüftung des Geheimnisses" durch die zuständigen Stellen sicherlich von vielen mit Spannung erwartet wird. Doch unzufrieden ist man in Nordhausen mit der BO 105 nicht.

Bezüglich der medizintechnischen Ausrüstung des Fluggeräts gibt es wenige Besonderheiten zu nennen. Allerdings setzt man bei den Thüringer ZSH-Fliegern schon auf den Intensivrespirator "Oxylog 3000" der Firma Dräger. Viele andere RTH-Crews nutzen derzeit noch das in der Notfallrettung weit verbreitete "Oxylog 2000". Zur adäquaten Applikation von Medikamenten werden zwei Spritzenpumpen "Injectomat 2000" im Hubschrauber vorgehalten, eine weitere als Reserve. Als EKG / Defi-Einheit kommt ein Lifepak 10 zum Einsatz. Wie an allen ZSH-Stationen des Bundes verfügt man über die Möglichkeit, zwei liegende Patienten zu transportieren. Dazu steht eine Bucher-Trage sowie eine NATO-Trage (diese für Notfälle) zur Verfügung. Während des regulären Betriebs lagert ein nicht unwesentlicher Teil der medizinischen Ausstattung auf der NATO-Trage im Ladetunnel. Nicht zu unterschätzen als Helfer an der Einsatzstelle: Ein Kuscheltier für kleine Patienten.

Christoph 37 in seinem Hangar

Christoph 37 in seinem Hangar
Foto: Harald Rieger

An dieser Stelle abschließend als Erklärung ein herzlicher Dank unserer zwei Teammitglieder an die Crew des "Christoph 37", die uns bei unserem Besuch an der Station freundlich und eingehend zur Seite stand (trotz widriger Winter-Witterung). Durch die Besatzung des Hubschraubers wurde letztlich ein wesentlicher Teil zu dieser Reportage beigetragen. Das Team von rth.info wünscht "Christoph 37" auch für 2004 unfallfreien und erfolgreichen Flugbetrieb!

 
Autor(en)
PPR